Im Lautsprecherbau gilt
eine Reihe von ungeschriebenen Gesetzen, die jeder Konstrukteur sofort unterschreiben
würde. Nur Norbert Schäfer nicht. Dabei sind sie doch so plausibel. Etwa: Lautsprecher,
die tiefe Bässe mit anständigem Volumen wiedergeben sollen, brauchen sperrige,
großkalibrige Gehäuse. Wer wollte da widersprechen? Und: Die Gehäusewände müssen aus
schweren, den Schall absorbierenden Materialien bestehen. Dass dabei oft unhandliche
Tonmöbel entstehen, lässt sich nun mal nicht ändern. Ein anderer Grundsatz: Tiefe
Bassgewalt erzeugt man entweder mit großen Membranen, und wenn das nicht geht, nimmt man
einfach kleinere und lässt sie entsprechend kräftiger schwingen. Das funktioniert doch
tadellos, etwa nicht? Weiter: Der Übertragungsbereich eines Tieftonlautsprechers liegt
immer oberhalb seiner Resonanzfrequenz. Natürlich, anders geht es ja gar nicht. Und
schließlich: Lautsprecher sind entweder schön oder gut. Meist jedenfalls.
Das alles ist von vorn bis hinten Unsinn, sagt Schäfer, und er tritt auch gleich den
Gegenbeweis an: mit einer High-End-Lautsprecheranlage, die so ziemlich alles auf den Kopf
stellt, was in der Lautsprechertheorie bisher den Ton angab, und die mit ihren
schimmernden Flächen aus Edelstahl und Aluminium so toll aussieht, dass sie nach aller
Erfahrung eigentlich schon deshalb im Verdacht stehen müsste, ihren akustischen Job zu
vernachlässigen.
Schäfers Vorstoß ins Unkonventionelle hat eine lange Tradition: Seit einem
Vierteljahrhundert baut der Württemberger Einzelkämpfer Lautsprecher - allerdings nie in
gigantischen Serien, sondern stets für eine überschaubare Gemeinde von HiFi-Gourmets.
Anfangs experimentierte er mit mächtigen Horn-Wandlern aus Beton, später befasste er
sich mit schlanken Flächenlautsprechern und legte damit den Grundstein zu seinem
jüngsten, Largo genannten Konstrukt, das er unter seinem Markennamen Translife für einen
Kundenkreis bekennender Genießer in purer Handarbeit fertigt.
Das komplette Ensemble besteht aus zwei ultraschlanken, mannshohen Säulen für den
Mittel-Hochtonbereich, zwei nur 7 Zentimeter tiefen Basslautsprechern und einer passenden
Frequenzweiche. Die beiden Bassisten, knapp 170 Zentimeter hoch und 22 Zentimeter schmal,
bringen gerade mal 27 Kilogramm auf die Waage, nur so viel Gewicht, dass man sie notfalls
noch unter den Arm klemmen könnte. Kein Wunder: Ihr Gehäuse besteht aus
Aluminium-Profilen, einem Werkstoff, der normalerweise im Tiefton-Bau striktes Hausverbot
hat. In Schäfers Bassboxen aber darf der Stoff glänzen, denn die flachen Gehäuse haben
nur so kleine Flächen, dass ihre Eigenresonanz-Frequenzen weit über dem
Übertragungsbereich der Tieftöner liegen und deshalb gar nicht erst angeregt werden
können. Die verblüffend kompakten Gehäuse erlaubt sich Schäfer deshalb, weil er kein
großes Luftvolumen braucht, um die Resonanz der kompletten Basseinheit auf einen Wert am
unteren Ende der Frequenzskala zu drücken. Praktisch alle anderen
Lautsprecherkonstrukteure halten diesen Kunstgriff für unentbehrlich, um den Tieftönern
auf diese Weise im untersten Bassbereich Schalldruck fördernde Unterstützung zukommen zu
lassen. Andernfalls blieben die Membranen in den untersten Frequenzregionen allzu
kleinlaut. Schäfer dagegen legt die Resonanz seiner Basslautsprecher auf einen
theoretischen Wert von rund 1300 Hertz - theoretisch deshalb, weil die eingebauten Chassis
überhaupt nur bis 120 Hertz arbeiten. Alle höheren Schwingungen schneidet die
Frequenzweiche ab. Die fehlende Unterstützung am unteren Ende des Tonspektrums
kompensiert Schäfer einfach mit einem ziemlich gewaltigen Aufgebot an Membranfläche: In
jedem Bassgehäuse sitzen acht Tieftöner aus eigener Konstruktion, die jeweils eine 400
Quadratzentimeter große, völlig plane Membran aus einem Zellulose-Hartschaum-Sandwich
schwingen lassen. Als Motor dienen ihnen die größten Schwingspulen der Welt: Ihr
Durchmesser beträgt stolze 13 Zentimeter. Die Flachmembranen bewegen so viel Luft, dass
die Gehäuse Ausgleichsöffnungen brauchen. Die funktionieren aber nicht nach dem
Bassreflex-Prinzip, das die ins Gehäuseinnere abgestrahlten Schallanteile akustisch
nutzbar macht. Hier tritt die Luft einfach in Form von Wind nach außen - mit so hoher
Geschwindigkeit, dass ihre Schallenergie stark absorbiert wird und keinen nennenswerten
Beitrag zur Wiedergebe leistet, den Klang also weder fördert noch stört. |
Schäfers
Faible für große Membranflächen speist sich nicht allein aus seiner Vorliebe für
ästhetische Bauformen, sondern auch aus einer ziemlich exklusiven Erkenntnis. Alle
Lehrbuchweisheit geht davon aus, dass sich der Luftdruck vor der Lautsprechermembran
erhöht, sobald sie nach außen schwingt. Erstaunlich eigentlich, denn man kann mit ganz
einfachen messtechnischen Experimenten nachweisen, dass das Gegenteil der Fall ist: Die
Beschleunigung, die die Luft erfährt, sorgt für ihre Verdünnung, also für abnehmenden
Druck. Gleichzeitig verringert die nach vorn schnellende Membran kurzzeitig das Volumen in
ihrer unmittelbaren Nähe.
Hier sieht Schäfer zwei tendenziell widerstreitende Wirkungszusammenhänge, vergleichbar
einem Fahrzeug, dessen Vorderräder nach vorn wollen, während die Hinterräder im
Rückwärtsgang rotieren. Er zieht daraus den Schluss, dass ein Lautsprecher mit großer
Membranfläche, der bereits mit geringen Auslenkungen hohen Schalldruck erzielen kann, in
jedem Fall einer Konstruktion vorzuziehen ist, die eine kleine Membran in weiten
Bewegungen schwingen lässt. Dass dies so ist, finden auch andere Theoretiker - mit eher
konventionellen Begründungen. Die weit auslenkende Membran, sagen sie, bewegt sich nur
auf einem Bruchteil ihres Wegs linear, also exakt dem elektrischen Tonsignal entsprechend.
Heftig schuftende Kleinbässe produzieren deshalb grundsätzlich die größeren
Verzerrungen.
Zurück zum Produkt. Die Basseinheiten der Largo haben neben ihrer fast zarten Gestalt
noch einen weiteren, beachtlichen Vorzug: Sie enthalten sich jener dröhnenden Dreingaben,
die sich gern durch das Mauerwerk fortpflanzen und die Nachbarn nicht immer erfreuen. Die
Largo-Bässe hört man auf der anderen Seite der Wand nur dann, wenn die Musik insgesamt
durchdringende Lautstärke erreicht. Das ist ein willkommenes Begleitphänomen jener
besonderen Arbeitsweise, die auf Resonanzunterstützung im Tiefbassbereich gänzlich
verzichtet.
Den Hoch- und den Mitteltonbereich delegiert Schäfer an die beiden separaten Klangsäulen
mit ihren halbrunden Gehäusen aus Edelstahlblech, die im Inneren mit diagonalen Streben
versteift sind. Auf den aus Holz gefertigten Schallwänden sitzen je neun Hochtöner, die
mit Folien-Membranen aus Schäfers eigener Konstruktion und Fertigung arbeiten. Daneben
verrichten je 16 übereinander montierte Konus-Mitteltöner ihren Dienst.
Die klanglichen Leistungen der Largo-Lautsprecher sind ebenso beeindruckend wie ihre
äußere Gestalt und ihre technische Konzeption. Es gibt nur wenige Schallwandler, die
tiefe Bässe mit einer solchen Mühelosigkeit, einer solchen unaufdringlichen Kraft und
einer solchen Präzision im Hörraum entfalten. Heftigen Schlagzeugattacken folgen die
flachen Largo-Membranen mit ungeahnter Schnelligkeit und werksgerechtem Biss, gestrichene
Kontrabässe knurren mit tiefschwarzem Volumen. Auf ähnlich hohem Niveau spielen die
Säulen für den Mittel-Hochtonbereich: Feine Obertöne geben sich luftig und schwerelos,
Stimmen und Instrumente haben kräftige, natürliche Klangfarben, und auch in der
räumlichen Abbildung der Musik setzen die schmalen Lautsprecher, begünstigt durch ihre
schmale Bauweise, einfach Maßstäbe.
WOLFGANG TUNZE |